Welcher Song ist es, der dein Leben begleitet?
Das ist jetzt total metaphorisch gemeint. Aber ich glaube, dass die meisten Menschen eine, oft unbewusste Vorstellung von ihrem Leben haben. Ein Bild, dass sie in eine Richtung treibt, und das sie Entscheidungen treffen lässt.
Wenn ich auf mein Leben schaue, dann hatte ich als junge Frau mit Anfang Zwanzig, das Bild der coolen Rockerin die selbständig und unabhängig ihr Ding macht. Ich habe alleine gewohnt, hab mich finanziell selbst versorgt, hörte laut Heavy Metal und hatte einige Piercings im Gesicht. Mit 23 bin ich alleine vom Dorf in die Großstadt gezogen, in eine WG voller Unbekannter. Das passte so für mich, denn mein Song in diesem Lebensabschnitt war laut, wild und ungezähmt.
In Köln lernte ich dann meinen Mann kennen, der zu diesem Zeitpunkt genau wie ich, ziemlich unkonventionell unterwegs war. Wie es dazu kam ist eine Story für sich aber nach einigen Monaten begaben wir uns gemeinsam auf die Reise in ein Leben mit Jesus, was mich und mein Bild von mir radikal änderte.
Heute denke ich, es war nicht nur gut, denn Religion versucht aus Menschen brave, ruhige Mitläufer zu machen. Sorry, so ist es. Aber zu diesem Zeitpunkt half mir das neue Lied in meinem Kopf dabei, von einigen Süchten los zu kommen, mein Leben neu zu ordnen und mich anders zu orientieren. Ich konnte meine sanfte Seite plötzlich annehmen und die Härte, die ich zuvor zur Schau trug, um mein Herz zu schützen, verschwand nach und nach. Ich sah neue Ziele und freute mich auf unsere Hochzeit und zukünftige Kinder.
Der nächste Abschnitt war der der jungen Mutter, der jede Frau ganz neu ausrichtet. Da ich eine pädagogische Ausbildung habe, wollte ich es besonders gut machen. Ich bin wirklich voll aufgegangen in der Mutterrolle. Mich um die Kinder kümmern und ihnen meine Zeit schenken, bekam meine volle Aufmerksamkeit. Und ich sah mich auch so. Als Mutter. Zu diesem Zeitpunkt reichte das.
Da ich aber nun vier Kinder habe, die in einer großen Zeitspanne zur Welt kamen, änderte sich nach einigen Jahren mein Blick auf mich selbst erneut. Mutter sein alleine, war nicht mehr genug. Ich probierte viel aus, arbeitete mit Menschen mit Behinderung und in einem Kindergarten, war plötzlich berufstätige Mutter, wie die Meisten anderen auch, aber das Lied in meinem Kopf war irgendwie verschwunden. Ich machte nur noch. Struggelte vor mich hin.
Mit 39 Jahren bekam ich in eine Art Midlifecrisis. Mir wurde klar, dass ich noch ein Jahr hatte bis ich 40 werden würde. Ich hatte das Gefühl etwas ändern zu müssen, erfolgreicher sein zu müssen. Ich krempelte die Ärmel hoch, machte mich innerhalb kürzester Zeit selbständig und schaffte es innerhalb eines halben Jahres genügend Kunden zu finden um nun als freiberufliche Heilpädagogin, mit einem guten Gehalt, tätig zu sein.
Dann kam alles total anders. An meinem 40. Geburtstag war ich bereits im 6. Monat schwanger. Es kam Corona. Wir wanderten nach Schweden aus.
Jetzt leben wir bereits seit vier Jahren in Schweden und ich habe noch kein neues Lied für mich gefunden. Ich bin. Ich lebe. Ich versuche die Dinge gut zu erledigen. Versuche ich selbst zu sein. Versuche im Jetzt zu leben. Ich suche Gott und die Beziehung zu meinem Liebsten jeden Tag aufs Neue.
Als ich angefangen habe diesen Text zu schreiben, dachte ich am Ende komme ich vielleicht darauf, was mein neuer Song sein könnte. Etwas dem ich zielgerichtet folgen kann, so wie früher. Denn ich bilde mir ein, eine Vorstellung von mir zu haben, würde mir helfen vorwärts zu kommen.
Aber vielleicht ist mein Song gerade sehr sanft. So, dass ich still werden muss um ihn hören zu können. Das Leben im Jetzt, in der Liebe. Ohne Hetze, ohne ein sichtbares Ziel dem ich hinterher renne. Jeden Tag tun, was getan werden muss. Verbunden mit mir selbst und in der Sicherheit, das Gott mich trägt.
Ich finde diesen Lebensabschnitt gerade wirklich nicht einfach. Ich bin ein Mensch der gerne plant und Dinge umsetzt. Der Erfolg in Resultaten sieht. Aber scheinbar ist das jetzt gerade mein Weg. Still werden und aushalten. Aber ich habe die Hoffnung, und ich spüre bereits jetzt einen Schimmer davon, dass das Ergebnis frei sein und genießen sein kann.