Seit einiger Zeit sprechen alle davon wie wichtig ein ausgeglichenes Nervensystem ist und was man dafür tun oder eben nicht tun sollte.
Weniger Social Media und mehr bewusstes Atmen, weniger Stress und stattdessen Waldspaziergänge, ich denke das haben alle schon mal gehört.
Die Rede ist von dem vegetativen oder auch autonomen Nervensystem, dass durch Sympathikus (Anspannung) und Parasympathikus (Entspannung) die von uns nicht willkürlich steuerbaren Prozesse im Köper regelt. Darunter fällt beispielsweise der Herzschlag, die Verdauung oder auch die Freisetzung von Hormonen.
Das Nervensystem sollte sich bestenfalls im Gleichgewicht befinden.
Der Sympathikus aktiviert den Menschen und wird angesprochen wenn wir Aufgaben erledigen und arbeiten, bei sportlichen Aktivitäten oder in unvorhergesehenen Situationen, die schnelle Handlung erfordern.
Das Problem ist, dass Stress, auch wenn er im Hintergrund läuft, den Sympathikus ebenfalls aktiviert und er daher in unseren heutigen Zeit quasi konstant aktiv ist.
Ich weiß, niemand will das hören, aber der Konsum von Social Media wird von unserem Körper, speziell unserem Nervensystem, als Stress verarbeitet. Die Schwierigkeit besteht darin, dass wir mittlerweile unsere freie Zeit fast ausschließlich mit unseren Handys verbringen. Ich ruhe mich aus, indem ich durch Instagram scrolle. Es machen doch alle! Auch meine 80 jährige Mutter, die behauptet nicht viel am Handy zu hängen, füllt täglichen einige Stunden mit YouTube.
So kommt es, dass unsere so genannte Erholung nicht den Parasympathikus fördert, was zu Regeneration, Entspannung und Resilienz führen würde, sondern im Gegenteil, den Sympathikus dazu anhält weiterhin im Aktivierungsmodus zu bleiben.
Ein Nervensystem, dass den ganzen Tag „on“ ist, führt leider zu unangenehmen, mittlerweile weit verbreiteten, körperlichen Zuständen. Typische Symptome dafür sind unter anderem, anhaltende innere Unruhe, Erschöpfung, Schlafprobleme, unregelmäßiger Herzschlag, Verdauungsbeschwerden, Kopfschmerzen oder Reizbarkeit.
Erkennst du dich da vielleicht wieder? Ich auf jeden Fall.
Es gibt einige Tipps wie man den Parasympathikus aktivieren kann um wieder in ein gesundes Gleichgewicht zu kommen.
Akute Hilfe, wenn man zum Beispiel diese fiese innere Unruhe wahrnimmt, kann daraus bestehen langsam und tief zu Atmen. 4 Sekunden ein- 6 Sekunden aus, sich bewusst mit seinem Körper zu verbinden und die Füße auf dem Boden zu spüren oder, was ich total interessant finde, zu summen. Einfach das Lieblingslied summen. Mmmmhmmhmmmm….
Dann noch die üblichen Tipps, die meiner Meinung nach aber, obwohl so einfach, schwieriger umzusetzen sind. Spaziergänge in der Natur, am Besten im Wald, Dankbarkeit im Allgemeinen und das Wahrnehmen des Lebens im Hier und Jetzt. Sich Zeit nehmen für soziale Beziehungen, in denen man sich sicher und angenommen fühlt und sanfte körperliche Berührungen und Umarmungen gehören ebenfalls dazu.
Dies alles, auch die oben genannten Akutmethoden, signalisieren dem Nervensystem Sicherheit und Ruhe. Und das ist es, was der Parasympathikus braucht.
Ich persönlich versuche gerade (mal wieder) meinen Social Media Konsum radikal zu beschränken. Damit erwische ich zwei Fliegen mit einer Klappe. Weniger Aktivierung des Sympathikus, durch das Weglassen dieses Triggers und stattdessen Raum schaffen für analoge Hobbie wie Stricken, Gärtnern oder Schreiben, die allesamt, durch den erforderlichen Fokus im Hier und Jetzt, den Parasympathikus ansprechen. Auch Zeichnen, Kochen oder Backen können solche Beschäftigungen sein, die zusätzlich durch die taktile Wahrnehmung der angewendeten Materialien, wie weicher Wolle oder leuchtender Farben, den Geruch von frisch Gebackenem, duftenden Kräutern oder auch feuchter Erde, alle Sinne ansprechen.
Theoretisch hört sich mein Vorhaben nach einem Plan an. Ich befinde mich gerade in einer Übergangssituation denn das Problem ist, dass mein Nervensystem sich an diese ständige Anspannung und Beschallung von Außen gewöhnt hat. Ganz abgesehen von meinem Dopaminhaushalt, der durch den plötzlichen Social Media Entzug ganz schön durcheinander gekommen ist. Daher fühlt sich eine Pause ohne Handy in der Hand, nach unfassbarer Leere an. Um dem entgegen zu wirken, greife ich zur Zeit zum Buch. Wie gesagt eine Übergangslösung, bis mein System wieder gelernt hat, dass in Nichtbeschäftigung auch Sicherheit liegen kann.
Ich muss auch sagen, dass ich gerade echt genervt bin vom Angebot auf Instagram, dass mir unerbittlich zeigt wie schön, kreativ und erfolgreich alle um mich rum sind und von meiner scheinbaren Unfähigkeit mich diesem bunten, digitalem Angebot zu entziehen.
Ich hab der Sache nun dem Kampf angesagt. Das Wissen um die Zusammenhänge in meinem Körper hilft mir dabei diese erste, harte Zeit durchzustehen. Ja, es ist ein Entzug und fühlt sich auch so an.
Wie geht es dir damit? Fühlst du dich auch oft erschlagen und müde ohne ersichtlichen Grund? Kämpfst du mit der Verlockung des digitalen Angebotes? Oder hast du das gut im Griff und führst ein ausgeglichenes Leben?