Gefühlsklar

„Und dann?“

„Na ja, wie schon gesagt. Ich konnte einfach nicht mehr. Alles war so…schwer.“ Tanja sah bedrückt auf die Tischplatte, die leere Kaffeetasse in ihrer Hand. Sie erinnerte sich an die Zeit als es ihr schwer fiel morgens aus dem Bett aufzustehen, weil es nichts gab worauf sie sich freute. Ihr ganzes Leben schien damals nur aus Verpflichtungen zu bestehen.

„Aber“, Sara räusperte sich. „War es eine Depression?“

„Nein, nein.“ Tanja sah auf. „Das hab ich aber auch zwischendurch gedacht. So wird es doch beschrieben, wenn das Leben keine Freude mehr macht.“ Sie atmete laut aus. „Aber so schlimm war es nicht. Ich hab ja alles irgendwie hin bekommen. Es hat auch keiner was bemerkt. Ich bekam höchstens mal `nen Spruch, dass ich dankbarer sein könnte.“ Sie erinnerte sich an die Aussage zurück, die eine Bekannte gemacht hatte. -„Du hast doch alles was du brauchst. Warum bist du nicht glücklich?“ Es hatte sich wie eine Anschuldigung angefühlt. Als ob Tanja freiwillig unglücklich gewesen wäre. Diese kleine, gedankenlose Aussage hatte ihr schlechtes Gewissen über ihre eigene Unzufriedenheit nur noch verstärkt.

„Stimmt“, nickte Sara. „Ich hab`s ja auch nicht bemerkt.“ Ein bisschen schuldbewusst sah sie ihre Freundin, die sie schon seit der Schulzeit kannte, an.

„Wie auch.“ entgegnete Tanja. „Ich hab mich ja von allen zurückgezogen. Ich glaube das letzte Jahr hatte ich nur Kontakt mit meinen Mann und den Kinder.“

„Aber was war es denn? Was war denn los mit dir?“

„Mittlerweile weiß ich, dass es ziemlich vielen Frauen so geht.“ Tanja sah ihre Freundin mit schief gelegtem Kopf an. „Jemand wie du scheint eher die Ausnahme zu sein.“

Sara zuckte mit den Schulter. „Ja. Keine Ahnung. Ich mag halt den Job und die Kinder sind auch nicht so schwierig…“

Tanja lachte. „Du musst dich nicht entschuldigen weil es dir gut geht.“ Sie stand auf. „Noch nen Kaffee?“

„Ja, gerne. Aber jetzt lenk nicht ab! Ich will die ganze Geschichte hören. Von Anfang an! Ich meine schau dich doch mal an!“ Mit Blicken taxierte sie ihre Freundin, die sich in der letzten Zeit alleine optisch total verändert hatte. Ihre durchschnittlichen, unauffälligen Haare waren langen wilden Dreadlocks gewichen. Und auch die Art wie sie sich bewegte war irgendwie anders. Fröhlicher, raumgreifender und trotzdem noch mit der starken, ruhigen Energie, die sie schon immer ausstrahlte.

„Die Haare? Die mussten sein.“ Tanja lachte laut und fuhr sich durch die Haarsträhnen, die ihr lang über den Rücken fielen. „Ich bin jetzt über 40 und seit fast 30 Jahren will ich Dreads. Ich hab mich einfach nie getraut. 30 Jahre! Mitten im Kurs ist auf einmal bei mir der Groschen gefallen und dann war klar, dass die Dreads der nächste Schritt waren. Vielleicht ist es ein Prozess und ich brauch die nur für ne Zeit, vielleicht hab ich die noch mit 80.“ Sie lachte wieder während sie sich mit neu gefüllten Kaffeetassen zurück an den Küchentisch setzte. „Wir werden sehn.“

„Ja, der Kurs“, ungeduldig zappelte Sara mit den Beinen. Jetzt erzähl doch mal! Aber der Reihe nach!“

„Bei Insta gab s nen Beitrag, der hatte mich direkt gepackt, weil er genau mein Leben zu beschreiben schien. Es war die Rede von dem Wunsch authentisch zu leben, von Frauen die ständig erschöpft sind, die ihre Kinder anschreien obwohl sie liebevoll sein wollen, von dem Drang nach Perfektionismus, um das Leben meistern zu können…Und da hab ich mich so drin erkannt! Ich hab nur noch von Einkaufen zum Kochen, zum Putzen, zum Kinder betreuen gelebt und war froh wenn der Kleine abends endlich im Bett war. Dann hab ich mich auch in meins verkrochen und am nächsten Tag ging alles wieder von vorne los. Ich hab versucht den Roman zu schreiben, den ich schon so lange im Kopf hab. Aber auch dass hat sich nur wie ne zusätzliche Last angefühlt. Obwohl ich doch echt gerne schreibe. Mein Leben war nur noch Überforderung.“ Tanja seufzte und stützte ihr Gesicht in die Hände während sie Sara ernst ansah. „Ich hab mich nur an dem gemessen was ich „geschafft“ hatte. Ohne abgehakte To Do Liste hatte ich keine Lebensberechtigung.“ Als sie Sara ansah, die die Stirn in Falten gelegt hatte, fügte sie hinzu. „Also in meinem Kopf. Ich weiß, das niemand das so gesehen hat. Aber für mich war das Realität.“

„Hmmm…“, murmelte Sara und Tanja bemerkte, dass die Situation für sie nicht ganz zu begreifen war. Aber sie sah auch den Wunsch ihrer Freundin sie zu verstehen, daher sprach sie langsam weiter.

„In dem Kurs ging es darum alte Gefühle, die man nicht gefühlt hat zu verarbeiten. Also nachzufühlen. Und wenn man das gemacht hat, sind sie dann weg und man ist frei.“ Ein breites Lächeln machte sich auf Tanjas Gesicht breit. „Eigentlich verrückt das das funktioniert.“

„Also warte mal. Du denkst an ein altes Gefühl und dann geht es weg?“

„Nee. Eben nicht denken. Fühlen.“ Erneut machte sich das erleichterte Lächeln breit. „Es gibt so geführte Entspannungsübungen, die einem dabei helfen. Hört sich ziemlich esoterisch an, ich weiß. Ist es aber nicht. Im Gegenteil Edith ist Christ, deshalb konnte ich ihr auch vertrauen.“ Kurz stockte sie. „Okay, am Anfang hab ich mir diese Meditationen angehört ohne mitzumachen. Nur um sicher zu gehen, dass mir da kein Hokuspokus ins Unterbewusstsein gequatscht wird.“

Sara lächelte. Das war typisch ihre Freundin. Lieber ein bisschen skeptisch und bloss nicht alles glauben. „Und Edith ist die Kursleiterin?“

Tanja nickte. „Am Anfang hab ich ständig geweint. Ohne zu wissen warum überhaupt. Irgendwann ging es ein bisschen tiefer und ich hab mich auch mal an konkrete Sachen erinnert. Mit einem Seitenblick zu ihrer Freundin fügte sie hinzu: „Gab ja genug Mist.“

Sara nickte während sie sich an die gemeinsame Schulzeit und Pubertät erinnerte, die für Tanja nicht so leicht gewesen war.

„Und wir bekamen die Aufgabe ganz viel aufzuschreiben, um uns selbst kennen zu lernen. Das hat mir mega geholfen. Das war so, wenn irgendeine Situation kam, sollten wir aufschreiben war wir über die Situation, die beteiligte Person und über uns dachten. Nach ner Zeit erkennt man da ein Muster.“ Tanjas Augen wurden ein bisschen glasig, als sie an eine Zeit zurück dachte, die noch gar nicht so lange hinter ihr lag. „Bei dem Punkt -„Was denk ich über mich?“ kam ständig: Ich bin falsch. Ich bin unwichtig. Ich bin nicht wertvoll.“ Sie stockte kurz. „Das hab ich über mich gedacht! Jahrelang! Vielleicht schon immer!“

„Woher kam das denn?“

„Das weiß ich nicht so genau. Ist aber auch egal. Es ist nicht wichtig alles zu analysieren. Das Fühlen ist wichtig.“

„Okay…“

„Willst du noch mehr hören? Oder ist es schon zu viel?“

„Nee, gar nicht. Erzähl weiter!“

„Eine andere Sache, die sie uns im Kurs beigebracht hat, ist Annahme. Als wenn ich fühle -„Ich bin nicht wichtig“ das so anzunehmen und nicht dagegen zu kämpfen.“

„Hä? Ist das nicht genau das, was du loswerden willst?“

„Nee, also. Annehmen, das das halt jetzt gerade das ist, was ich über mich denke. Der Ist-Zustand.“ Tanja zog die Füße zu sich auf den Stuhl und überlegte wie sie das besser erklären könnte. „Bei diesen Grundüberzeugungen ist das vielleicht bisschen schwierig zu verstehen. Aber das war auch in anderen Situationen so. Wenn ich zum Beispiel dachte -„Ich habe heute nicht viel erledigt bekommen und bin total müde, ich will nur noch ins Bett.“ , hab ich mich früher verurteilt für die Müdigkeit und mich als Versager gefühlt. Im Kurs hab ich gelernt mich genau so anzunehmen. Irgendwie liebevoll zu mir selbst zu sein. -„Ich hab heute nichts geschafft und bin müde.“ Punkt. Ich verurteile mich nicht dafür, sondern, im Gegenteil, ich tue mir etwas Gutes und geh früh schlafen.“ Sie sah Sara an und überlegte dann laut. „Für dich ist das vielleicht ganz selbstverständlich?“

Sara nickte. „Ja, ist es. Ich hab das nie so beobachtet. Aber ich glaube ich spreche ganz nett mit mir selbst.“ Sie lächelte unsicher.

Tanja seufzte. „Ich musste das erst lernen.“ Dann setzte sie sich plötzlich aufrecht hin und sah ihrer Freundin direkt in deren grünen Augen. „Und genau das ist das Ding. Man kann das gar nicht lernen. Nicht in dem Sinn von verstehen. Man muss sich verändern. So von innen heraus.“

„Und das hast du.“ Sara grinste.

„Das hab ich.“, zufrieden lehnte Tanja sich wieder zurück.

Draußen lockte das schönste Frühlingswetter und so entschieden sich die beiden Freundinnen zu einem Spaziergang. Während sie durch den Wald gingen, bewunderten sie die unzähligen weißen Blüten, die seit einigen Tagen den gesamten Boden bedeckten. Begleitet von fröhlichem Vogelgezwitscher führten sie ihr Gespräch weiter.

„Also du hast dich angenommen, ganz viel aufgeschrieben, alte Gefühle gefühlt…“, nahm Sara den Faden wieder auf.

„Gut aufgepasst.“ Tanja lächelte.

„Und dann? Wie kam es dazu?“ Sara zeigte von oben nach unten und wieder zurück auf ihre Freundin, als versuche sie etwas Unbeschreibliches zu beschreiben.“

„Oh je. Seh ich so schlimm aus?“ Herausfordernd hob Tanja die Augenbrauen.

„Nein.“ Sara schüttelte den Kopf. „Ich meine deinen innerlichen Wandel. Wie kam das dann? Und wie lang hat es gedauert?“

Tanja, die auf dem nun schmalen Waldweg vor ihrer Freundin hinweg ging, drehte sich zu ihr um und ging, während sie sprach, einige Schritte rückwärts. „Ich kanns dir gar nicht sagen. Es war wie ein Wunder, ganz plötzlich. Es war schon seit einiger Zeit so, dass ich auch außerhalb dieser geführten Entspannungsübungen plötzlich alte Gefühle wahrnahm und wenn es passte, ließ ich sie zu und fühlte quasi durch sie durch. Glaub das hat viel geholfen. Und dann hatte ich ja diese negativen Glaubenssätze über mich selbst gefunden. Über die hab ich nachgedacht und dann gemerkt, dass ich mir selbst total im Weg stand. Weil ich diesen Mist über mich geglaubt hatte. Und dann, auf einmal, hat sich das gedreht. Echt wie ein Wunder. Von einem Moment auf den anderen dachte ich anders über mich selbst. -„Ich bin wichtig. Ich bin wertvoll. Ich bin richtig so wie ich bin.“ Immer noch erstaunt und voller Freude über diese Erkenntnis, die mittlerweile einige Wochen zurücklag, bebte Tanjas Stimme bei den letzten Worten.

Sara, die stehen geblieben war, sagte: „Ich freu mich echt für dich!“

„Und ich mich erst! Weißt du, ich dachte immer ich bin falsch weil es mir so schwer fällt einen 9 to five Job anzunehmen. Und meine ganzen Hobbies, meinen Wunsch nach Kreativität. Ich dachte das ist Quatsch, nur störend. Und plötzlich merke ich, das bin ich! Ich brauche es zu schreiben, zu gärtnern, zu zeichnen. Und zu stricken!“ Sie lachte. „Das gehört einfach zu mir. Hast du den Grinch gesehen?“

„Ja klar, hat doch jeder.“

„Also der Animationsfilm. Als sein Herz zur dreifachen Größe heran wächst. So hab ich mich gefühlt als mir klar wurde, das diese ganze Kreativität keine unnötige Zeitverschwendung ist, sondern ein Teil von mir. Etwas zu schaffen macht mich lebendig.“ Tanjas Augen strahlten.

Sara kickte einen Tannenzapfen vor sich her während sie den Rückweg antraten und sie über Tanjas Worte nachdachte. „Und was hast du jetzt für Pläne? Mit deinen neuen Erkenntnissen?“

„Hmmm… gute Frage. Ich mache jetzt erst mal weiter. Es ist zwar ganz schön was ins Rollen gekommen aber ich hab immer noch viel zu lernen. Nach der ersten Euphorie, dass ich von diesen krass belastenden Glaubensätzen frei geworden bin, kamen dann doch noch andere Themen auf. Zum Beispiel mein Gottesbild, mein Mindset auf die Arbeit bezogen… Ich bleib einfach dran. Aber jetzt ist es plötzlich etwas Positives. Ich spüre Freude über mein Leben! Jeden Tag empfinde ich ein Stück mehr Leichtigkeit.“ entgegnete sie strahlend.

Dann fügte sie nachdenklich hinzu: „Verrückt oder? Außen hat sich nichts verändert. Das alles ist nur in mir drin passiert.“

Als sie fast wieder das Haus erreicht hatten, kam Tanja ein letzter Gedanke. „Es gibt etwas, dass Edith in einer Atemreise gesagt hat und das mich tief berührt hat. Sie sagte: -„ Alles was dir gehört, befindet sich in deinem Herzen.“ Was für ein Gedanke, oder? Alles andere ist nur Beiwerk. Liebe, Freude, Dankbarkeit, Verbundenheit mit anderen, das sind die Dinge die zählen.“

„Wir sind dafür gemacht, dass wir lieben, dass wir dankbar sind, dass wir gelassen und zufrieden sind. Dass wir in Gottes Liebe baden.“, sie schloss die Augen. „Wow.“

* Falls sich das jetzt jemand fragt, den Kurs gibt es wirklich und das ist der Link dazu.

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