Die letzten Jahre habe ich mich immer mehr in einem Leben wiedergefunden, dass von Leistung und Lähmung bestimmt war. Leistung, da ich meinen Wert nur gesehen habe, wenn ich produktiv war und Lähmung weil ich gleichzeitig einen inneren Widerstand gegen dieses Muss an Leistung in mir gespürt habe.
Darauf woher dieses Denken kam, werde ich später eingehen. Nun möchte ich kurz meine Lebensumstände beschreiben und wie sich meine Haltung darin widergespiegelt hat.
Seit unserer Auswanderung bin ich Hausfrau. Alleine das ist ein Umstand, der sich in Schweden nochmal anders anfühlt als in Deutschland. Rund 85% aller Mütter* in Schweden sind berufstätig, davon 75% in Vollzeit und 25% in Teilzeit, wobei Teilzeit 35 Wochenstunden entspricht. 50% aller Kinder besuchen den Kindergarten bereits mit einem Jahr, mit zwei Jahren sind es dann, analog zu den arbeitenden Müttern, 85 %.
*Kleiner Exkurs zur Gleichstellung in Schweden, diesmal nicht in Zahlen sondern resultierend aus Beobachtungen. Die Väter übernehmen einen etwa gleich großen Teil der Kinderbetreuung. Oft sind es die Väter, die die Kinder vom Kindergarten bringen und abholen und auch im Haushalt übernehmen skandinavische Männer die Aufgaben, die anfallen. Das wird auch in Filmen und Serien so kommuniziert und von der Gesellschaft als selbstverständlich angesehen. Würde meiner Meinung nach aber auch gar nicht anders funktionieren, da wie gesagt auch die meisten Frauen Vollzeit arbeiten.
Dies führt also zu einem gesellschaftlichen Modell bei dem die Kinder Vollzeit in Kindergarten/ Schule sind und die Eltern Vollzeit arbeiten.
Kinder, die ein Elternteil haben das nicht berufstätig ist, haben einen Betreuungsanspruch von maximal 15 Stunden die Woche, was im Vergleich zu den üblichen Betreuungszeiten quasi nichts ist.
Als wir in Schweden ankamen, war unser Jüngster acht Monate alt. Ich blieb mit ihm zu Hause und überhaupt empfinde ich persönlich einen Kindergarteneinstieg mit drei Jahren als ideal. Bei meinen älteren Kindern habe ich beobachtet, dass sie in diesem Alter anfingen sich auf dem Spielplatz gegenüber „Fremden“ zu öffnen und sich nicht nur in der Anwesenheit ihren primären Bezugspersonen sicher zu fühlen.
J. ging sogar schon etwas früher, mit zweieinhalb Jahren, in den Kindergarten, da zu diesem Zeitpunkt meine weiterführende Sprachschule begann und ich finde man sollte in seinem Denken und Entscheidungen flexibel bleiben, Bezug nehmend darauf, dass ich drei Jahre als ideal empfunden hätte.
Weil ich einen Studientakt von 100% wählte, bekam J. das Recht auf 40 Stunden pro Woche Aufenthalt im Kindergarten. Wir wählten eine tägliche Betreuung von 8-13 Uhr was meine Studienzeit, die ich flexibel von zu Hause ausübte, ausreichend deckte. Es ist übrigens so, dass Eltern ihre Arbeitszeiten angeben müssen und das Kind nur im Kindergarten sein darf während die Eltern arbeiten. Einkaufen oder gar ein Cafébesuch ohne Kind ist in den Betreuungszeiten nicht vorgesehen und auch nicht erlaubt.
Nach einem Jahr war ich mit der Schule fertig und sofort fiel J. Betreuungszeit auf 15h /Woche zurück. Da mein Mann sehr viel arbeitet und mit vier Kinder doch einiges an Care Arbeit anfällt, beschlossen wir, dass ich erstmal zu Hause bleibe.
Ich hoffe jetzt erschließt sich der Exkurs über das schwedische Betreuungssystem, denn Tatsache ist, dass alle Kinder den ganzen Tag im Kindergarten/ Schule sind, die Eltern arbeiten, und ich mich mit meinem jüngsten Sohn manchmal ganz schön einsam gefühlt habe. Spielverabredungen werden meist auf Samstage oder Sonntage gelegt, da unter der Woche niemand Zeit hat. Ich weiß nicht wie oft ich überlegt habe irgendeinen Job abzunehmen nur damit die Kinder ins Betreuungssystem dürfen. Denn auch die Betreuung nach der Schule gilt ausschließlich den Kindern berufstätiger Eltern. Die Freunde meines älteren Sohns kommen oft erst gegen 16/17 Uhr nach Hause.
Das Gefühl falsch zu sein begann an mir zu nagen, das man leicht fühlen kann, wenn man gegensätzlich zu der Gesellschaft lebt, in der man sich befindet. Nach einiger Zeit haben die Nachbarn aufgehört zu fragen wann ich denn anfange zu arbeiten.
Manchmal spürte ich, dass es sich für meinen 10jährigen Sohn komisch anfühlte, dass ich zu Hause bin, da er durch seine engen Freunde und seine Aufenthalte in deren Haushalt, das schwedische System als normal empfindet. Er hat einer Mitschülerin vor kurzen auf ihre Frage als was ich arbeite mit „Autorin“ geantwortet, in der Verlegenheit eine zufriedenstellende Antwort zu finden. Und tatsächlich schreibe ich an meinem ersten Roman. Ab wann darf man sich Autorin nennen? Sobald man Geld damit verdient? (Über das Thema Geld habe ich auch mal wieder so einige Gedanken, aber das an anderer Stelle.)
Irgendwie wurde der Text jetzt etwas lang. Daher verbleibe ich damit, dass ich das letzte Jahr etwas frustriert und ziemlich unzufrieden als Hausfrau verbrachte.
Vorschau: Es ist etwas passiert und es geht mir richtig gut!